Trainierst du schon oder suchst du noch nach Ausreden?

 

Eine typisch vorweihnachtliche Szene – wie wir sie alle kennen. Und auch alle etwas daraus lernen können:

 

Unser RICHTIG bewegen Kundenevent war – und das ist schon fast provokativ – auf den 23.12.2017 gesetzt. DER Samstag VOR Weihnachten. Meine Stammkunden und ich waren alle begeistert von der Idee, mit einer lockeren Runde um den Pfäffikersee die Festtage so richtig entspannt angehen zu können und dem sonst alljährlich wachsenden Weihnachts-Muffin über der Jeans ordentlich Luft rauszulassen, da wir dank der Magie des Intervalltrainings mindestens 48h Nachbrenneffekt geniessen. Ok, einige gaben von Anfang an Bescheid, dass sie verreist seien, was natürlich über die Festtage bei vielen der Fall ist.

Alle anderen die eingewilligt hatten, inkl. mir, kamen wahrscheinlich am Freitagabend oder spätestens am Samstagmorgen ordentlich ins Schwitzen: Schaff ich die 10km obwohl ich seit meiner Rückenverletzung nie mehr so weit gerannt bin? Wie reagiert mein Körper die Tage nach der Seeumrundung? Verbringe ich dann Weihnachten mit Hexenschuss im Bett? Wie schütze ich mich gegen die Kälte? Macht es Sinn bei dieser Kälte und Nässe Sport zu treiben? Wann besorge ich die verbleibenden Geschenke für Übermorgen? Wann packe ich für den Weihnachtsurlaub? Was ist, wenn niemand auftaucht? Dann muss ich ja gar nicht erst hingehen dachte ich…

 

Beeindruckend wie kreativ man wird in Bezug auf innere Widerstände!

 

Ich setzte mich hin und versuchte meine Gedanken zu reflektieren. Ich befasste mich mit «warum kann ich das nicht?» und fand genau darin den Reiz diese Hürde zu überwinden: Warum kann ich nicht 24h vor dem grossen Fest alles stehen und liegen lassen und 10km rennen? Anstatt in den Läden irgendwelchem Material hinterher zu hechten, entschied ich mich an den Pfäffikersee zu fahren. Und siehe da: weitere Kunden tauchten auf! Wir tauschten uns über die gemachte Erfahrung aus und lachten über die Sorgen am Morgen, die wie es schien, uns alle die selben plagten. Denn nun war alles vergessen: wir zogen los in einen herrlichen Wintertag, jeder in seinem Tempo durch das Naturschutzgebiet, schafften alle die 10km und gönnten uns einen Drink in gemütlicher Gesellschaft. Weihnachtstress? Von dem war keine Spur mehr…

 

Wann kommt uns Bewegung oder gar Training denn schon gelegen?

 

Dass wir in den Ferien nach 4 Tagen herumliegen, nur vom Buffet essend Lust haben auf etwas Aktivierung ist völlig logisch. Doch sieht so der Alltag aus? Wer neben Beruf, Familie, Haushalt und Hobby noch Zeit für regelmässige körperliche Ertüchtigung schaffen will, MUSS jegliche Ausreden über Board werfen. Sonst kommt man nie zum Training. Und die Muskelmasse schrumpft jährlich dahin. Und die Haltung grad mit. Und der Stoffwechsel fällt in den Keller. Somit bleibt mir nur noch Salat und Poulet für den Rest meines Lebens als Menuvorschlag übrig, wenn ich weiterhin einen Einplätzer im Flugzeug buchen möchte.

 

Angst herauszufinden, wie sehr ausser Form ich wirklich bin:

 

Angst vor Verletzungen. Angst vor dem Verlassen der Komfortzone. Angst vor Unmuss. Und allem voran: die Angst zu versagen. Die Ausrede bist du selbst, denn die Barriere zwischen dem inaktiven und aktiven Lebensstil wird durch die Angst bestimmt die wir selber wählen.

Was mich traurig stimmt, ist unsere reflexartige Defensivhaltung gegenüber der eigenen Körperpflege (ja Bewegung ist Körperpflege – Frag mal dein Lymphsystem, das die Abfallprodukte von deinen Zellen wegtransportiert und so richtig schön ins Stocken kommt nach ein paar Stunden sitzender Tätigkeit). Die Ausreden sind so breit wie Amerikas Autobahnen, wenn es darum geht körperliche Ertüchtigung irgendwie zu Umgehen. Dafür sind wir enorm einfallsreich, wenn wir etwas Süsses wollen:

 

Nutella: ein Salat?

 

Klar, sogar das kann ich mir einreden, denn schliesslich besteht Nutella zu 80% aus Pflanzenfetten. Das Süsse ist im Grunde genommen nicht einmal das Problem (wenn wir es damit nicht übertreiben). Aber dass wir die Süssigkeit nicht mehr verbrennen! Das ist ungesund. Oder käme es dir in den Sinn dein vollgetanktes Auto wieder an die Zapfsäule zu fahren und nochmals einen Tank Benzin einzulassen? Ja die sprudelnde Sauerei ist Bild genug für ein wachsendes Fettpölsterchen…

 

Meine stetige Auseinandersetzung mit der Angst:

 

Am Wochenende bereite ich oft das Mittag- oder Nachtessen etwas früher vor. Sobald dieses zum fertigbacken 40min im Ofen verschwindet, gehe ich eine Runde joggen oder arbeite an meinem Spiraldynamik Übungsprogramm während mein Mann auf die Kleine schaut. So sind wir zum gemütlichen Dinner alle wieder vereint und es schmeckt ausserdem noch besser mit richtig Hunger ? Ich nutze also bewusst einen Trigger (Ofen) um die gewünschte Aktion auszulösen (Bewegung!). So werden meine Ausreden ausgeschaltet (was ist, wenn das Bad nicht geputzt ist bis morgen? Wir erwarten doch Besuch? Wer bringt den Müll raus? Wann beantworte ich die wichtige Email von heute Morgen? Welche Gefahren lauern im Wald? Was ist, wenn mich eine Zecke erwischt? Den Hang hinter dem Haus schaffe ich eh nicht, war letztes Wochenende ja auch so… Und dann diese ständige Besorgtheit um den Nachwuchs. Keine Ahnung wie das kam, auf jeden Fall fühlt es sich an, als wäre seit der Geburt irgendein Schalter umgekippt, der mich die wildesten Angst-Phantasien produzieren lässt auf alltägliche Situationen wie Arztbesuche, Ausflüge in die Natur, Autofahren oder im Umgang mit Mitmenschen).

Angst ist eine natürliche und rationale Gefühlsantwort auf jegliche Art von Bedrohung. Angst ist weder schlecht noch gut, und wir alle erleben dieses Gefühl regelmässig. Wenn auch auf verschiedenen Ebenen: einige sind von Angst getrieben und können kaum das Haus verlassen. Vielleicht hilft eine Therapie oder Medikamente diesen Zustand zu kontrollieren. Andere wiederum setzen sich der Angst bewusst aus und springen aus dem Flugzeug oder erklimmen die höchsten Berge.

Doch für den Rest von uns, die den Mittelteil der Gaußschen Normalverteilung widerspiegeln, ist angst irrelevant. Was zählt ist was du daraus machst.

In unserer modernen Gesellschaft können wir oft wählen wovor wir Angst haben. Die instinktive Antwort auf Angst wird in «fight, flight or freeze» kategorisiert. Meiner Meinung nach gibt es da jedoch eine vierte Möglichkeit: und zwar das bewusste Wahrnehmen der Angst. Wir können sie sogar willkommen heissen und bei vollem Verstand entscheiden, trotzdem weiterzumachen. Manchmal braucht es wohl gerade diese Konfrontation mit der Angst, um seine eigene Meinung und die Welt in der man lebt zu hinterfragen. Vielleicht gelingt es dir eine Antwort auf das «warum kann ich das nicht?» zu finden oder wenn dir jemand sagt, dass du das nicht kannst die Herausforderung anzunehmen und es extra zu versuchen. Vielleicht hätte ich nie an der Uni studiert, hätte mein Oberstufenlehrer nicht zu mir gesagt, dass ich mit meinen Mathekenntnissen die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium nie schaffen werde.

 

Angst ist immer da. Doch sie sollte nie die Ausrede sein, es nicht zu versuchen:

 

Meine körperlichen Gegebenheiten (Fehlstellungen an Hüfte und Rücken, diverse Operationen) und meine Lebenserfahrung (Leben in Amerika? Niemals!) zeigen mir immer wieder auf, dass sich Veränderung oder Bewegung nicht immer toll anfühlen. Dass sich Schmerzmomente nicht einfach so überwinden lassen. Und oft erlebe ich höllische Angst beim Vorbereiten eines Vortrags, beim Ausführen hoher Sprünge oder intensiver Körperarbeit. Seit dem “schwangerschaftsbedingten Körperumbau” wurden vor allem rumpfbetonte Sportarten wie Biken, Surfen oder der «Roll Up» im Pilates immer mehr zu einer psychischen Herausforderung und nicht nur zu Bewegungsformen um mich einigermassen in Form zu halten. Trotzdem wähle ich so viel Bewegung wie möglich, in jeglicher Variation was mir grad zur Verfügung steht (am Boden spielen kann genauso anstrengend sein wie Yoga ?

Weil ich spüre, dass mir Bewegung guttut. Egal mit welchem Handicap. Oder vielleicht lechzt mein Körper gerade deswegen danach, da gewisse Einschränkungen ohne regelmässige Bewegung viel grösser wären.

Erfolgserlebnisse häufen sich, je öfters du dich dem aussetzt, was dir Angst einjagt. Zum Beispiel eine lange Wanderung anzutreten, obwohl du dich dazu nicht bereit fühlst. Oder am Morgen früher aufstehst als dir lieb ist um noch eine Runde zu Gehen vor der Arbeit, obwohl du nicht weisst ob du dann noch genug Energie haben wirst für die Aufgaben die der Tag bringt.

 

Gebrochene Knochen heilen. Ein immobiles Leben hingegen ist schwer zu reparieren:

 

Keineswegs habe ich alle meine Ängste überwunden. Ich bin immer noch besorgt, dass ich beim radeln stürzen, ein Kunde mich in Grund und Boden rennen oder auf der Skitour von Leuten überholt werden könnte die erst letzten Winter mit Schneesport begonnen haben…

Was mir aber viel Sorge bereitet, ist das langsame, vielleicht unbemerkte Abgleiten in eine allgemeine Körperschwäche, was garantiert das Resultat vom täglichen Sitzen auf dem Allerwertesten und dem Nichtstun sein wird. Sturzgefahr aufgrund von Muskelschwäche, erhöhtes Risiko für Wundheilungsstörungen und diversen chronischen Krankheiten, Anfälligkeit auf Infektionen. Ja davor graut es mir: die körperlichen Fähigkeiten die mir heute zur Verfügung stehen zu verlieren. Und wie schnell diese dahin sind weiss jeder, der nach einem Spitalaufenthalt für einige Wochen immobil war. Ich laufe nicht freiwillig in die würdelose Falle eines Pflege- oder Altersheims aufgrund gewisser Umstände, die ich hätte beeinflussen können. Mir grauts vor dem Typ Schmerz und dem Typ Stress, der weder durch eine ambulante Operation, noch durch einige Wochen in der Reha gelöst werden kann. Wer will sich später schon in ein Leben in Abhängigkeit durch andere verdammen um seine Basisfunktionen aufrechtzuerhalten?

 

Meine Grossmutter wird heute 80ig.

 

Sie arbeitet, turnt, gärtnert, schmeisst ihren Haushalt. Ihr Auto benützt sie selten. Holt Milch auf dem 2km entfernten Bauernhof und besucht Freunde am Grabserberg zu Fuss. Klar ist Gesundheit auch Glückssache. Aber auch «von nichts kommt nichts». An ihrem Beispiel ist deutlich zu sehen, dass Altern die körperliche Leistungsfähigkeit zwar mindert, aber nicht gleich alles verloren gehen muss! Deine körperliche Stärke kann durch Proaktive Arbeit erhalten bleiben!

 

Meine Ängste kreieren ein Feuer in mir, alles mir mögliche zu tun um das Verhängnis zu verhindern in welches sich viele steuerten, denen ich in diversen Kliniken als Therapeutin zusehen musste. 

 

Nimm deine Angst wahr. Wie beeinflusst sie deine Handlungen? Ein übertriebener Fokus auf deine kurzzeitlichen Ängste kann viel Leid mit sich bringen. Wenn du mir die selbe Begründung erzählen müsstest die du dir einredest «warum du dich nicht regelmässig bewegst», würde es dich in Verlegenheit bringen? Würde es irgendwie komisch klingen sobald der Satz deine Lippen verlässt?

Falls ja, was kannst du daran ändern? Vielleicht kannst du deine inneren Widerstände sogar nutzen um voranzukommen!

Bewegte Grüsse, Carla Bereiter.

 

 

Teilen mit:
Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>